Gleitschirm

Erlebnisbericht Gantrisch Hike&Fly

Hike&Fly Wettkämpfe zu bestreiten bedeutet Freunde treffen, um eine Aufgabe möglichst effizient zu lösen. Manchmal als Team und im entscheidenden Moment als skrupelloser Egoist. Darum freute ich mich unglaublich auf den ersten Wettkampf in der Region Gantrisch, organisiert von Benu Senn.

Nach dem Start ging es zügig bergauf richtung Walalpgrat, wo das erste von dreien Unterschrift-Boards stand, welche zwingend unterschrieben werden mussten. Schon im Aufstieg zeichnete sich ab, dass es Thermik hat. Darum hiess es oben keine Zeit verlieren und ab in die Luft.

In einem kleinen Rudel schlichen wir am Hang entlang Richtung Westen, wobei die Thermik noch sehr schwach war. Das Ziel war die untere Gantrischhütte, welche auf rund 1500m hinter dem Gurnigel liegt. Mit etwas Kalkül und einer guten Portion Optimismus schlich ich tief über den Pass. Eigentlich hätte ich auch viel höher drüber fliegen können, um den Verfolgern aber das gute Steigen nicht zu verraten entschied ich mich möglichst tief drüber zu schlüpfen und das Steigen weg zu drücken. Vielleicht wirkte dies für den ein- oder anderen abschreckend.

An der unteren Gantrischhütte angekommen galt es das zweite Unterschriftsboard zu signieren, Pädel und Hannes waren kurz vor mir, darum schnell den Schirm verpacken und weiter stampfen. Da es gut zu fliegen schien war das Credo möglichst schnell wieder in die Luft. Ausserdem sollte im Tagesverlauf die Bise stärker werden, was das Zurückfliegen aus dem Westen möglicherweise erschweren könnte. Vier Schweissperlen später lag mir der Zeolite wieder zu Füssen und mit einem Ruck an den A-Leinen flog es weiter Richtung Westen.

Pädel und Hannes waren gerade auf der ersten Querung Richtung Westen, als ich an der Basis oberhalb des Startplatzes «Bire» schwebte. Ich wählte eine etwas andere Linie und konnte sie darum gleich nach der ersten Querung überholen. Hannes wurde zu Boden gezwungen währendem Pädel zügig zu mir aufschloss, währenddem ich etwas in der Thermik pausierte. Das war gut, denn zu zweit fliegt es sich effizienter zumal ich weiss, dass Pädel die Region viel besser kennt als ich.

Gemeinsam flogen wir weiter Richtung Westen, aus den Beobachtungen ergab sich, dass es wohl windig sein wird an der westlichsten Hügelkette, welche mit Turnpoints versehen wurde. Mit etwas Reserve schafften wir zum Turnpoint und auf die Luv-Seite des Ättenberg. Sofort gingen wir getrennt Steigen suchen, was sich in Anbetracht des starken Windes als schwierig herausstellte. Nach etwas rumzappeln schien die Taktik ineffizient und wir flogen zum nächsten Prallhang. Unterwegs durchquerten wir ein Lee, in welchem wir noch einige Manöver der Höhengewinnung bewerkstelligten und schon waren wir wieder auf einer komfortablen Höhe.

Wir flogen weiter Richtung Kaiseregg, dem Süd-Westlichsten Turnpoint. Am morgen hatte ich noch Zweifel, ob ich es dahin schaffe, und nun waren wir schon da. Reto Reiser, welcher uns dicht auf den Versen war stiess da auch zu uns und gemeinsam zottelten wir weiter Richtung Osten.  Die Basis war unterschiedlich tief und die Abschattungen breiteten sich aus. Das spielte uns in die Karten, denn für die Verfolger würde es kaum einfacher die Strecke so wie wir es konnten zu erfliegen.

Die nächste Challenge bestand darin, ständig ausserhalb der Wolken zu bleiben ohne Sichtkontakt zu verlieren in dem unbekanntem Berggelände. So navigierten wir bei teilweise gutem Steigen vorbei am Turnpoint Märe immer weiter Richtung Osten.

Nach etwas Geduld mit der Thermik galt es den Turnpoint Ochsen zu passieren. Aufgrund der tiefen Basis schien dies nur Leeseitig möglich. Mit einer knappen Höhe galoppierten wir Richtung Lee in der Hoffnung einen den Ochsen zu erreichen, bevor wir herunter gespült werden. Mit gestreckten Beinen konnte ich den Turnpoint erreichen, jetzt noch über einen kleinen Schneebedeckten Pass und dann ins Luv. Mit Vollgas Richtung Pass, es scheint sehr knapp zu werden.
Plan A: Es reicht.
Plan B: Kurz vor dem Aufprall aus dem Gas und mit dem Pendel eine 180° Kurve fliegen. Das habe ich schon öfters probiert und funktioniert eigentlich recht gut.
Noch fünf Meter bis zum Pass – die Höhe riecht nicht. Ich löse den Beschleuniger vorsichtig aber entschlossen um mit der gewonnenen Höhe exakt auf dem Pass auf zu setzten. Zwei zügige Schritte später war ich im Luv ohne das der Schirm was bemerkte.

Pädel kurz vor mir schaffte es relativ entspannt über den Pass. In solchen Situationen zeigt es sich wohl wer den Schirm besser im Griff hat und weniger Speed im Lee verliert, ich bin beeindruckt.

Währenddem ich den letzten Schnee aus dem Gurtzeug schüttelte gondelt der Zeolite weiter Richtung Turnpoint Gantrisch. Die Basis war tief, nur sehr nahe am Gelände war es möglich den Turnpoint zu passieren und ständig lief man Gefahr in die Wolken zu kommen. Das «Bing» vom XCTrack signalisiert ich bin drin, sofort weg von da einige Meter runter spiralen und über den Gurnigelpass ins Luv – das sind keine 200 Meter. Aber auch 200 Meter können lange sein, es spülte mich hinter dem Pass runter zur unterer Gantrischhütte, wo ich schon mal gestanden bin.

Es war nicht einfach dem feinen Duft nach Schnitzel-Pommes zu widerstehen, ich packte aber allen Ehrgeiz und marschierte in Richtung Luv der Hüttenküche um dem verführerischen Duft zu entkommen. Der Wind war in der Zwischenzeit zügig und es schien klar, dass die restlichen luvseititgen Turnpoints soarend erreicht werden können. Ich hüpfte also über den Pass und liess den Zeolite aus dem Sack. Nach dem Start befasste ich mich mit der Navigation. Nach einem Moment voller Konzentration bemerkte ich, dass ich erst Höhe machen sollte.

Auf einer einigermassen Sinnvollen höhe angekommen entschloss ich mich zum nächsten Unterschrifts-Board zu fliegen. Aber irgendwie fand ich diesen Punkt «Möntschelen Alp» auf meinem Gerät nicht. Leicht verwirrt flog ich in die Vermutete Richtung, bis ich viele Leute und eine Advance-Fahne erspähte. Das muss sie wohl sein, die berüchtigte Möntschelen. In einer zügigen Spirale, welche mir sicherlich besser gefällt als meinem Schirm ging es runter zum Toplanden.

Landen, unterschreiben und weiter. Es ist nie weniger anstrengend effizient zu sein als in solchen Momenten, darum lasse ich mir in solchen Situationen selten Zeit. Wieder in der Luft erwartete mich etwas Schwaches steigen. Ich nutzte die Zeit, um eine Strategie auszudenken. Die neue Strategie lautete: Zuerst möglichst weit gegen den Wind in Richtung Norden um anschliessend mit Rückenwind die Turnpoints im flachen Gelände im Gleitflug zu passieren. Mit etwas Glück ging der Plan auf und ich konnte den Nördlichsten Punkt Wattenwil passieren. Mit Rückenwind ging es Zügig zurück, aber auch die Höhe schmälerte sich stetig. Jetzt gilt es alle Sensoren offen zu halten und Steigen zu generieren.

Tief unterhalb der Möntschelen komme ich an dem Fusse des Hanges. Jetzt ist das einzige Zeil «oben bleiben». Ich sah einen Vogel, flog zu ihm. Er grüsste mich freundlich, als er an mir vorbeistieg, brachte mich aber nicht wirklich weiter. Schon bald war ich so tief, dass ich kaum mehr über die vor mir stehende Stromleitung komme. Ich sehe einige Schwalben, was soll ich tun? Über die Stromleitung näher ans Ziel oder zu den Schwalben? Ich entschied mich dafür den Vögeln nochmals eine Chance zu geben. Im starken Talwind tanzte eine Schwalbe, Luvseitig noch eine und das Vario piepste vorsichtig. Ich schlich unter meinem Schirm auf Zehenspitzen Richtung Luv und versuchte einfach nichts Falsches zu machen. Nach 5 Minuten voller Anspannung sehe ich auf die Stromleitung herunter und denke: «geschafft!»

Mit viel Wind schaukelt mein Schirm Richtung Osten zum Wendepunkt Chrindi. Die Zeit um ins Ziel zu kommen wird langsam knapp, nur noch zu dem Punkt und dann Zurück, man riecht bereits das Landebier.

Hoch und Tief wechseln sich eben ab und so kommt plötzlich starkes Sinken. Eifrig zappelte ich um den Turnpoint herum und als es die Bedingungen wieder zuliessen bemerkte ich, dass ich ja schon fast um den Turnpoint herum gepustet worden wäre. Ein kurzer Schlenker und ich bin drin, jetzt einfach Zurück.

In der Zwischenzeit sehe ich zwei Piloten in der Luft stehen, mit geringer Vorwärtsfahrt lässt es sie nieder. Ich bin zwar viel höher, komme aber trotzdem nicht weiter und innert weniger Minuten treffe ich Reto Reiser und Nicola Heiniger am Boden.

Noch 40 Minuten bis zum Zielschluss, das Navi sagt 6 km. Ich bin erstaunt wie relaxed Nicola und Reto wirken. Ok, dass Nicola rennen kann wie Usain Bolt ist allgemein bekannt, aber ich war schon etwas nervös. Alles in meinen Flugsau-Rucksack gepackt spurtete ich ihnen nach um gemeinsam zurück zu Wandern.

Durch einen unglaublich steilen Wald mit nassem Lauf kämpften wir uns auf die andere Hügelseite und passierten dabei noch einen Wendepunkt. Oben angekommen ist allen klar, jetzt müssen wir aber Rennen.

Noch 3 km und 15 Minuten Zeit, das Ziel ist schon in Sicht und andere Piloten Landen. Die Spannung steigt, können wir das schaffen? Wir montieren die schnellen Füsse und schafften es gerade noch 2 Minuten vor Schluss ins Ziel – juhui!

Hike&Fly bedeutet gemeinsam unterwegs zu sein, sein eigener Weg zu gehen und oft dieselben Leute wieder zu treffen. Währenddem ich in der Gantrisch Hütte Landen musste konnte Reto noch Richtung Niesen Fliegen und Gewann damit den Wettkampf, Gratulation!

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